4. September 2015 Miriam Junge

Verloren in der Großstadt? So fühlt man sich schon bald zu Hause

Gerade als Neuankömmling hat man in der Großstadt oft das Gefühl, überfordert zu sein. Und dann vermisst man ganz schnell das frühere Nest. Aber wer weiß, wie, kann (fast) überall glücklich werden. Die Psychologin Miriam Junge hat ein paar Tipps auf Lager.

Über das Verlorensein in der großen Stadt

„Überall liegt Scheiße, man muss eigentlich schweben. Jeder hat ’nen Hund, aber keinen zum Reden.“

Peter Fox aus Berlin bringt es in seinem Song „Schwarz zu Blau“ auf den Punkt. Manchmal sind wir einfach „lost“. Nicht auf einer einsamen Insel. Sondern verloren in Deutschlands Hauptstadt.

Berlin – das sind 3,502 Millionen Einwohner (Stand 2012). Allein der Bezirk Neukölln beheimatet mit mehr als 300.000 Einwohnern in etwa so viele Menschen wie Bonn oder Bielefeld. Kein Wunder also, dass sich Menschen aus Bonn oder Bielefeld in Berlin verloren vorkommen können. Aber auch die Hauptstädter selbst!

Erfüllt Berlin das Prinzip Sehnsucht?

Berlin ist ein Sehnsuchtsort. Denn bestimmt ist hier vieles besser, einfacher, spannender als in der ländlichen Heimat. Es gibt viel mehr Möglichkeiten. Berlin ist in vielerlei Hinsicht ein Superlativ. Aber manchmal sind es eben diese unzähligen Möglichkeiten, die uns überfordern. Man kann immer etwas anderes unternehmen, etwas Besseres, noch Verrückteres – es gibt einach immer so viele Alternativen.

Und unternehmen wir einmal nichts, fühlen wir uns, als würden wir etwas verpassen.

Die Anonymität der Großstadt – Fluch oder Segen?

Jeder ist mit sich selbst beschäftigt, ob es nun Studium, Job oder die Suche nach einem Partner ist. Jeder strebt für sich. Meistens. Manche lieben es, nicht
aufzufallen. Wieder andere hassen es, nicht wahrgenommen zu werden und nur einer von vielen zu sein.

In der Menge kann man also untertauchen oder untergehen. Mitlaufen oder rausfliegen. Es kommt auf die eigene Konstitution an.

Stadtleben: Zusammen ist man weniger allein

Unter fremden Menschen merkt man natürlich eher, wenn man alleine ist. Denn der Mensch ist ein soziales Wesen, ein Herdentier. Wir brauchen soziales Feedback. Werden wir gemustert, ist das okay, wenn wir am Ende auch gemocht werden.

Deshalb ist es wichtig, sich Menschen zu suchen, bei denen man sein kann, wie man ist. Das können am Anfang etwa die Kollegen sein, von denen vielleicht viele selbst zugezogen sind. Denn auch sie haben möglicherweise ähnliche Erfahrungen, Ängste, Wünsche und Interessen.

„Leidensgenossen“ findet man an jedem Ort der Welt.

Wie das schöne Leben aussieht? Das bestimmt jeder selbst!

Man muss sich bewusst machen, mit wem oder womit man sich Gutes tun kann. Und das kann auch im Dschungel der ewig lockenden Angebote mal nur das Buch sein, das man alleine im Cafe liest. Und das schöne Leben kann durchaus auch so aussehen, dass man sich selbst einfach mal etwas Schönes kocht, die simplen Dinge mit Genuss wahrnimmt und früh schlafen geht.

Dabei sollte man sich selbst jedoch beobachten – ziehe ich mich gerade aus Lust auf ein paar ruhige Minuten zurück – oder bin ich einfach nur noch von der Reizüberflutung „da draußen“ überfordert und will mich vor der Welt verkriechen? Wenn der Punkt kommt, an dem man den sozialen Rückzug aus Überforderung vor dem ganzen Großstadt-Chaos vorzieht, sollte dringend professionelle Unterstützung gesucht werden – denn ernstzunehmende depressive Symptome sind dann meist nicht mehr ganz so fern.

Entwickle einen Blick auf deinen Seelenzustand

Wenn man sich Gedanken darüber macht, ob man einsam ist, weil die Tür nach draußen zu ist, oder ob man auch mal damit zufrieden sein kann, seine Ruhe zu haben, dann kann man lernen, mehr Achtsamkeit für seine Bedürfnisse zu entwickeln und sie wegen des Überangebots im Beton-Dschungel nicht aus dem Auge zu verlieren. Wichtig ist am Ende, dass man auch in all dem Trubel mit sich und bei sich ist.

Es ist wichtig, Wohlfühl-Menschen um sich zu haben – wer in einer neuen Stadt und auf der Suche ist, der macht es sich leichter, wenn er Netzwerker ist. Diese Eigenschaft können sich beileibe nicht alle auf die Fahne schreiben, aber das ist nicht so schlimm. Denn manchmal tut es auch ein Wohlfühl-Ort, und den kann man sich sowohl suchen, als auch selber schaffen.

Warum wir (fast) überall glücklich sein können

Für unser Wohlbefinden, unsere Selbstsicherheit spielt das gewohnte Umfeld oft eine große Rolle. Hier können wir uns frei bewegen, sein, wie wir wirklich sind. Unser Ort. Hier kennen wir uns aus.  Sich aber in einer fremden Umgebung zu Hause fühlen – in einer fremden Stadt „ankommen“ – kann richtig harte Arbeit sein. Und dann würde man in mancher Minute am liebsten zurück in Mamas Schoß. Es ist wichtig, Zeit dafür zu investieren, sich Vertrautes zu schaffen. Der Bäcker um die Ecke ist ein Anfang.

In Großstädten sind sowieso alle fremd, sobald sie ihren bekannten Kiez verlassen. Niemand nutzt die ganze Stadt. Man geht seine ausgetretenen Wege zur Arbeit, ob Berliner oder überforderter Neuankömmling. Aber das brauchen wir auch, denn so entwickeln sich Routinen, die uns Sicherheit geben.

Wenn man dabei aber mit offenen Augen durch die Stadt geht, erlebt man viele spannende Geschichten und trifft auch bald tolle, neue Freunde.

Miriam Junge

Miriam Junge

Ich bin Diplom-Psychologin, psychologische Psychotherapeutin für Verhaltenstherapie, Life-Coach, Autorin & Gründerin.
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